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Rede Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) am 26.08.2020

Rede bei der „Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen” (ASF) Berlin am 26.08.2020

Mein Name ist Sawsan Chebli, ich bin 42 Jahre alt und in Berlin als zwölftes Kind einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie geboren. Meine Biographie ist der Grund, warum ich in der Politik und heute wohl da bin, wo ich bin. Mit 21 bin ich der SPD beigetreten. Ich wollte nicht länger, dass andere über mein Leben richten. Ich habe Politik mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen studiert. Mein Traum war es, einen Beitrag zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu leisten. Davon sind wir leider – trotz einiger Hoffnungsschimmer in der Region – weit entfernt. Aber vielleicht wäre der Frieden leichter zu erringen, wenn in Nahost mehr Frauen das Sagen hätten - nicht, weil sie die besseren Menschen sind, sondern weil sie oft pragmatischer vorgehen, als männliche Hahnenkämpfer, denen das zu verlierende Gesicht oft wichtiger ist als das zu verlierende Leben ihrer Söhne und Töchter. Die Außenpolitik, das habe ich erlebt, ist eine klassische Männerdomäne. 

Meine ersten Arbeitserfahrungen habe ich im Bundestag gesammelt. Erst als studentische Hilfskraft, dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin und schließlich als Büroleiterin, wo ich Mitglieder des Deutschen Bundestages zu den Themen Nahost, Afrika und Balkan beraten habe. Daraufhin hat mir der damalige Innensenator Ehrhart Körting eine Stabstelle zu den Themen Islam, interreligiöser Dialog und Integration angeboten. Später holte mich Frank-Walter Steinmeier als Sprecherin ins Auswärtige Amt. Zuletzt berief mich Michael Müller zur Staatssekretärin. 

Ihr seht, es waren fast immer Männer, die mir den Weg bahnten. Auch deshalb habe ich mich lange gegen eine Quote ausgesprochen. „Wenn du gut bist, kommst du weiter“, dachte ich. Solidarität von Frauen habe ich damals nicht so oft erlebt. 

Das hat sich geändert als ich einen sexistischen Vorfall, den ich als Staatssekretärin erlebte, erstmals öffentlich machte. Ein Shitstorm brach los, einer meiner Ersten. Ich fühlte mich schwach und ohnmächtig. Damals waren es viele Frauen, Feministinnen, die mir Rückendeckung gegeben haben und mich stärkten. Diese Rückendeckung ermutigte mich darin, offen über Sexismus zu sprechen, den ich immer wieder erlebe. 

Als Staatssekretärin und Frau in der SPD mache ich jetzt die Erfahrung, dass uns Männer oft nur dann unterstützen, solange wir Frauen keine Konkurrenz sind. Sind wir groß und stark, sieht die Welt ganz anders aus. Natürlich gibt es Ausnahmen. 

Auch jetzt bei der Kandidatur sollte ich als Frau weichen. Aber ich bin nicht gewichen. Und heute stehe ich hier und werbe um Eure Unterstützung. Als Frau, die nicht länger still sein möchte, wenn Männer unter sich Deals machen. Als Frau, die ihre Stimme erhebt, um andere Frauen zu ermutigen, dies auch zu tun. Als Frau mit Haltung und Prinzipien. 

Ich komme aus einer Region, wo Frauen darum kämpfen müssen, den Mann heiraten zu dürfen, den sie lieben, den Beruf ausüben zu können, den sie möchten, oder sich so zu kleiden, wie sie es begehren. 

Ja, wir sind in Deutschland weiter liebe Genossinnen. Aber auch hier sind wir noch weit entfernt vom Gender-Paradies. Im europäischen Vergleich schneiden wir bei der Gleichstellung schlecht ab, zum Beispiel bei den Löhnen und Gehältern. 

Der Gender-Gap muss endlich ebenso Geschichte werden wie die weibliche Abhängigkeit vom männlichen Bankkonto. Dazu brauchen wir eine echte Gleichberechtigung bei der Erziehungs-, Pflege- und Familienarbeit - und den gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Es darf nicht sein, dass immer noch Frauen als Erste beruflich zurückstecken, wenn ein Paar ein Kind bekommt. Es darf nicht sein, dass Frauen weiter all die notwendige Arbeit zuhause und für andere tun, die ihnen kein Mensch bezahlt und kaum jemand anerkennt. 

Wie wacklig die hart erkämpfte Gleichberechtigung weiterhin ist, hat der Corona Lockdown gezeigt: In vielen Familien waren die Frauen und Mütter schlagartig auf ihre traditionelle Sorgerolle zurückgeworfen. Womöglich werden wir bald hören, dass von den Entlassenen und Arbeitslosen ebenfalls Frauen die ersten Leidtragenden sind.

Die Frauen in der Sozialdemokratie haben - gemeinsam mit den Genossen - vor gut 100 Jahren das Frauenwahlrecht erkämpft. Ohne sie stünde ich jetzt nicht hier. Und es kommt auf uns Sozialdemokratinnen an, die Realität der Ungleichheit zu verändern. 

Daran möchte ich arbeiten. Im Bundestag möchte ich Eure Stimme sein, meine Netzwerke und Erfahrungen einbringen, um unsere Themen voranzubringen. 

Es gibt viel zu tun: 

- Umsetzung des Paritätsgesetzes für echte gleiche Chancen in der Politik

- echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf

- Entgeltgleichheitsgesetz für echte Lohngerechtigkeit. Ich setze mich dafür ein, dass unsere Arbeit genauso wertgeschätzt wird wie die unserer Genossen und anderer Männer.

- Abschaffung von 219 für echte Selbstbestimmung

- Quote in Führungspositionen in Privatwirtschaft und Wissenschaft für echte Gleichberechtigung

- internationale Stärkung von Frauennetzwerken für echte Solidarität in weltwirtschaftlichen Zusammenhängen. 

Liebe Frauen, der Umgang mit meiner Kandidatur zeigt den unterschwelligen Sexismus deutlich: An uns Frauen werden andere Maßstäbe angelegt. Wir sollen immer noch sanft und zurückhaltend sein, sollen immer noch zurückziehen, wenn ein Mann einen Platz beansprucht und werden immer noch in die böse Ecke gestellt, wenn wir keine braven Mädchen mehr sind. 

Ich bedauere sehr und es tut weh zu hören, wie nun über mich hergezogen wird. Es wird persönlich. Auch von Frauen. Liebe Frauen, dieses Verhalten ist unsere Schwäche. Ich erwarte nicht, dass alle Frauen mich mögen, aber ich wünsche mir nach außen Geschlossenheit, wenn eine von uns angegriffen wird. 

Meine Überzeugung ist, dass wir dann am besten aufgestellt sind, wenn nicht nur eine von uns oben ist, sondern wenn es viele von uns nach oben schaffen.

Liebe Genossinnen, hier stehe ich und werbe, um Euer Vertrauen und um Eure Unterstützung. Ich bitte um eine faire Chance. Darum setze ich mich auch für eine Mitgliederbefragung ein. 

Und ich kann euch versprechen: Ich werde kämpfen für uns und unsere Themen. Wie eine Löwin. Das kann ich. Und ich werde solidarisch sein. 

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